„Jüdisches Leben in Deutschland im langen 19. Jahrhundert“: So lautet der etwas sperrige Titel des diesjährigen Semesterthemas in Q2. Aber was macht jüdisches Leben in Deutschland heute aus? Und wie begann und entwickelte es sich überhaupt wieder nach der Shoah? Diese und viele weitere Fragen beantwortete Levy Israel Ufferfilge von der jüdischen Gemeinde Oldenburg den Schülerinnen und Schülern des 12. Jahrgangs.
Dabei blickte der Rabbiner in einem beeindruckenden freien Vortrag zunächst ins 19. Jahrhundert zurück: auf die damals entstandenen drei großen Strömungen des Judentums, die heute noch existierten, und auf die Strategien der Emanzipation, der Konversion und des Zionismus, mit denen die jüdische Minderheit auf den Anpassungsdruck der Mehrheitsgesellschaft bzw. den beginnenden Antisemitismus
reagiert habe. Eine völlige rechtliche Gleichstellung der jüdischen Religionsgemeinschaft mit der christlichen sei bis heute nicht erreicht (Stichwort: jüdische Feiertage), insgesamt habe es aber – im Vergleich mit anderen Religionen – einen „ordentlichen Wurf nach vorn“ gegeben.
Dass es jüdisches Leben in Deutschland wieder gebe, sei sowohl deutschen Jüdinnen und Juden als auch sogenannten Displaced Persons aus Osteuropa zu verdanken gewesen, die die NS-Konzentrationslager überlebt hätten. „Enorme Kontinuitäten“ habe es nach 1945 gegeben, denn der Terror gegen die jüdische Minderheit habe nach dem Kriegsende nicht einfach aufgehört und nicht selten seien der Nachbar, der Hausarzt oder der Lehrer ehemalige Nazis gewesen.
Heute lebten 220.000 Jüdinnen und Juden in Deutschland; die Gemeinde in Oldenburg zähle 300 Mitglieder, welche auch aus der Ukraine oder Israel stammten. Im Anschluss an den ansprechenden Vortrag beantwortete Rabbiner Ufferfilge ausführlich die Fragen der Anwesenden, insbesondere zum Antisemitismus der Gegenwart. Dieser sei in Großstädten verbreiteter als in kleineren Städten wie z. B. Leer.
Er werde aber immer mehr zum „Mainstream“. Gefragt nach wirksamen Maßnahmen der Prävention gegen Antisemitismus bzw. Hass gegen Minderheiten, mahnte der Rabbiner, realistisch zu sein: Diese Phänomene könne man nicht in Gänze ausschließen. Interreligiöse bzw. interkulturelle Begegnungen könnten jedoch die Quote verringern: „Kennenlernen ist wichtiger als Bildung!“
„Ein cooler, junger Herr, der sehr gut auf Fragen einging. Sehr wichtig und interessant, ein Unterrichtsthema so noch einmal zu vertiefen.“ „Insgesamt ein sehr wichtiger und sinnvoller Beitrag zur Erinnerungskultur.“ Diese exemplarischen Reaktionen von Oberstufenschülerinnen und -schülern bestärken die Fachschaft Geschichte, auch zukünftig auf Aktualitätsbezug und Begegnung zu setzen. Wir würden uns freuen, wenn wir die Veranstaltung mit Rabbiner Levy Israel Ufferfilge im nächsten Schuljahr wiederholen könnten.
Wir danken zudem der Leiterin der Ehemaligen Jüdischen Schule, Susanne Bracht, für die Organisation. Das Projekt wurde im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.
Fotos: Jürgen Bambrowicz




